Kreativ bis ins Alter

102 Jahre: Werner Schrader hat nie Langeweile

Er arbeitet am Computer, hat ein Smartphone, fährt auf dem Ergometer - und hat ein kleines Museum: So hält sich Werner Schrader aus Nienhof mit 102 Jahren fit.

  • Von Carsten Richter
  • 03. Apr. 2022 | 13:00 Uhr
  • 12. Juni 2022
  • Von Carsten Richter
  • 03. Apr. 2022 | 13:00 Uhr
  • 12. Juni 2022
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Nienhof.

Still sitzen, das ist gar nicht sein Ding. „Ich muss immer etwas zu tun haben“, sagt Werner Schrader, Geburtsjahr 1920. Wer so agil und geistig wach ist, kann doch nicht schon 102 Jahre alt sein. Wie Werner Schrader in diesem biblischen Alter in den eigenen vier Wänden seinen Alltag gestaltet, das nötigt Hochachtung ab. Der Senior aus Nienhof ist so lebensbejahend, dass sein Gegenüber mehr als einmal geneigt ist, zu fragen, ob er wirklich auf mehr als ein Jahrhundert zurückblicken kann.

So hält sich Werner Schrader aus Nienhof fit

Werner Schrader bastelt, schreibt, dichtet, arbeitet am Computer, hält über ein Smartphone Kontakt zu Verwandten und Bekannten und macht darüber Online-Banking. Mühelos schwingt er sich auf sein Fahrrad-Ergometer und fängt an zu strampeln. Nicht nur für ein paar Minuten. Eine halbe Stunde oder länger hält er ohne Probleme durch. „Das muss man jeden Tag machen. Man darf nur nicht nachlassen“, sagt Schrader mit kräftiger Stimme und freundlichem Gesichtsausdruck. Einen Pflegedienst? Braucht er nicht. Essen bringen lassen? Nein, gekocht wird noch selbst. Seine Frau Liesel, 94 Jahre alt, macht das. „Der eine ist für den anderen da“, erzählt Werner Schrader. Seit rund 72 Jahren sind sie verheiratet. „Wir schlafen jeden Abend händchenhaltend miteinander ein“, sagt er – die bildliche Vorstellung rührt beinahe zu Tränen.

102-Jähriger wurde in Sehnde geboren

Werner Schrader, der älteste Einwohner Nienhofs und der Gemeinde Langlingen, hat erst die zweite Hälfte seines Lebens im Celler Ostkreis verbracht. Er brauchte Platz, um seinen Wohnwagen unterzustellen. Über einen befreundeten Architekten ist er an das Grundstück in Nienhof gekommen. „Eigentlich wollte ich immer an einem Fluss wohnen. Das hat nicht geklappt“, erzählt er. Geboren und aufgewachsen ist er als der ältere von zwei Brüdern als Kind einer Schuhmacherfamilie in Sehnde, 50 Kilometer entfernt. Mit den Händen zu arbeiten, das ist ihm in die Wiege gelegt worden. Werner Schrader pflegt diese Leidenschaft bis ins hohe Alter. Er muss einfach immer etwas tun.

Schließung des Familienbetriebs nach fast 175 Jahren

Sein Urgroßvater August Schrader hat 1845 im Geburtshaus der Familie eine Schuhmacherei gegründet. Das Haus wurde in den 1930er Jahren abgerissen, das Geschäft zog 1878 in einen Neubau um. In dessen Grundmauern bestand der Betrieb weiter. Nachdem Werner Schrader das Geschäft 1950 übernommen hatte, änderte das Haus mehrfach sein Aussehen. In den 1970er Jahren, ab 1975 unter der Führung seines Sohnes (ebenfalls Werner), wurde die Verkaufsfläche noch einmal deutlich erweitert. Vor drei Jahren ist die fast 175-jährige Firmengeschichte zu Ende gegangen – das Geschäft wurde geschlossen.

Werner Schrader zeigt sein kleines Museum

Werner Schrader senior wäre nicht er, wenn er nicht alle wesentlichen Veränderungen in selbstgebauten Modellen nachempfunden hätte. Mitte der 1990er Jahre, zum 150-jährigen Firmen-Bestehen, hat er mit dem Bau angefangen. Mit der Schließung des Geschäfts wurden die detailgetreuen Werke von Sehnde nach Nienhof transportiert. Im ersten Stock seines Hauses haben sie nun einen würdigen Platz gefunden. Neben alten Büchern, Musikinstrumenten, Dokumenten, Verordnungen. Werner Schrader hat sich hier ein kleines Museum eingerichtet. „Daraus besteht Opas Leben, er ist immer kreativ“, erzählt seine Enkeltochter Imke. „Mein Goldstern“, wie er sie liebevoll nennt.

Der Computer ist der Arbeitsplatz des Nienhofers

Schraders waren schon immer eine große Familie. Vier Generationen, bis hin zu den Urgroßeltern, haben während seiner Kindheit unter einem Dach gewohnt. Heute ist Werner Schrader selbst vierfacher Urgroßvater. Sein langes Leben hat er in Tagebüchern und Foto-Alben in unzähligen Ordnern festgehalten. Heute stehen sie, ordentlich sortiert, in Regalen neben seinem Schreibtisch im Wohnzimmer. Schreibtisch? Mit 102? Aber klar. „Der Computer ist mein Arbeitsplatz“, sagt er selbstbewusst. Von hier fällt der Blick in den großen Garten – Inspirationsquelle für seine kreativen Arbeiten. Hier verfasst Werner Schrader Gedanken und Ansprachen zu verschiedenen Anlässen. Auf fast 100 Seiten hat er mehr oder weniger sein ganzes Leben aufgeschrieben. Hat jemand im Dorf Geburtstag, schreibt Schrader Glückwünsche, druckt sie aus und bringt sie mit seinem elektrischen Rollstuhl vorbei. Seine Devise dabei: „Der Geist wächst auch im Alter noch“.

Weimarer Republik und Nationalsozialismus erlebt

Wenn er aus seinem Leben erzählt, verliert er sich häufig in Details. Kein Wunder bei der Länge der Zeit, auf die er zurückblicken kann. Nach dem Besuch der Volksschule in Sehnde wechselte Werner Schrader 1930 an die Knaben- und Mittelschule in Hildesheim. Nicht nur der Nationalsozialismus, auch schon die Weimarer Republik sei eine Katastrophe gewesen. „Die hohe Arbeitslosigkeit, das hat sich eingebrannt. Eine schlimme Zeit“, erzählt er. Auch persönlich musste die Familie einen schweren Schicksalsschlag verkraften. Werner Schraders Vater war im Ersten Weltkrieg schwer verwundet worden. 1933 starb er an den Folgen. Seinem sechs Jahre jüngeren Bruder August widmet er die erste Seite eines dicken dunkelgrünen Albums. Beide wurden an die Ostfront geschickt. „Weihnachten 1944 haben wir uns zum letzten Mal gesehen“, schreibt Werner. August „Auti“ Schrader kam nicht mehr zurück.

Nach Kriegsgefangenschaft zurückgekehrt

Werner übernahm als der ältere Bruder das Schuhgeschäft. In Hannover hatte er vor Beginn des Zweiten Weltkriegs eine Ausbildung abgeschlossen. Es folgten der Einzug zum Arbeitsdienst, Teilnahme am Frankreichfeldzug, Kriegsgefangenschaft – und 1949 schließlich die Rückkehr nach Sehnde. „Ich kannte fast keinen mehr im Dorf“, sagt Werner Schrader.

In Gefangenschaft an Liesel gedacht

Liesel Wortmann, seine spätere Frau, hatte er beim Tanzen kennengelernt. Kriegsbedingt hatten sie sich jahrelang nicht gesehen. „Liesel, so wie ich sie schon in der Gefangenschaft immer vor mir sah“, hat er ein Foto von ihr beschriftet. An „das schöne Mädchen mit dem bezaubernden Lächeln“, schreibt er, habe er oft denken müssen. Der jungen Liebe wurde ein bisschen nachgeholfen, sie verlobten sich und am 16. Juli 1950 gaben sie sich das Ja-Wort. „Im nächsten Leben würde ich sie wieder heiraten“, meint er heute trocken. Aus der Ehe sind die Söhne Werner und Ulrich hervorgegangen. Dieser ist 2018 gestorben.

In seinem Museum ist alles Handarbeit

Im Jahr der Hochzeit ging es auch beruflich voran. Nach der Meisterprüfung zum Schuhmacher übernahm Schrader das Geschäft, das sich zehn Jahre später gut entwickelt hatte. „Immer wieder mussten Wände herausgenommen werden, damit die große Auswahl an Schuhen auch untergebracht und gezeigt werden konnte“, schreibt der ehemalige Inhaber auf einer der Erklärtafeln zu den „Geschäfts-Modellen“ in seinem „Museum“. Keine Frage: Hier ist alles Handarbeit, bis ins kleinste Detail.

102-jähriger Werner Schrader: "Man darf nicht nachlassen"

„Man darf nicht nachlassen“, sagt Werner Schrader wieder. Vor ein paar Tagen ist er umgeknickt. „Deshalb humpele ich heute, das ärgert mich“ – ganz so, als er müsste er sich mit 102 Jahren noch dafür entschuldigen. Dann blättert er weiter im Foto-Album. Er schlägt die nächste Seite auf. Ein neues Kapitel. Bestimmt noch nicht das letzte in diesem langen Leben.

lebenslauf

16. März 1920

Geburt

1926 bis 1934

Schulzeit

1934 bis 1938

Ausbildung zum Schuhmacher

1940

Einzug zum Arbeitsdienst

1950

Hochzeit; Übernahme Schuhgeschäft

1951/1954

Geburt der Söhne Werner und Ulrich (2018 gestorben)

1975

Umzug nach Nienhof

2020

Gnadenhochzeit