Übersetzer und Lehrer

Volker Brachers Liebe zum Theater bleibt

Volker Bracher hat unter anderem in Celle als Dramaturg und Regisseur gearbeitet

  • Von Cellesche Zeitung
  • 18. Dez. 2021 | 17:00 Uhr
  • 12. Juni 2022
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Lachendorf.

Es gibt Begriffe, die ein wenig aus der Mode geraten sind, die sich aber wunderbar eignen, sofort ein Bild im Kopf entstehen zu lassen. Tausendsassa ist ein solches Wort, was sich geradezu aufdrängt, wenn man sich mit dem Leben von Volker Bracher beschäftigt. Die Liste seiner Tätigkeiten ist lang: Dramaturg für Film und Theater, Theaterpädagoge, Regisseur, Musiker, Lehrer und Übersetzer, und die Orte seiner Engagements erzählen von seinem regen beruflichen Reise-Leben: München, Hamburg, Bad Wildbad im Schwarzwald oder Enschede in Holland. Dennoch lautete seine bescheidene Antwort auf die Frage eines kroatischen Bühnenbildners bei einem gemeinsamen Theaterprojekt, ob er sich als Künstler fühle: „Nein, ich sehe mich nicht als Künstler, sondern eher als Vermittler“.

Was sich zunächst wie ein charmantes Understatement anhört, beschreibt aber sein besonderes Talent, das im Umgang mit Menschen, einfühlsamer Kommunikation und dem Ausbau und der Pflege von Netzwerken besteht. Gerade seine Fähigkeit, sein Fachwissen zu strukturieren und zu vermitteln, kommt ihm bei seiner heutigen Tätigkeit als Lehrer am Gymnasium in Uetze sehr entgegen. „Ich versuche, nicht von oben herab zu dozieren, sondern auf Augenhöhe die Stärken und Talente der Schüler herauszuarbeiten und zu fördern“, beschreibt der studierte Theaterwissenschaftler und -pädagoge seine Herangehensweise.

Mit Herz und Verstand

Tugenden wie Bescheidenheit sind nicht selbstverständlich, und auch bei Volker Bracher spielte ein Schlüsselerlebnis bei seiner Persönlichkeitsentwicklung eine große Rolle. Nach dem Abitur 1979 stand er wie viele junge Männer seines Alters vor der Entscheidung, Wehr- oder Zivildienst abzuleisten. Gorbatschow und seine Perestroika lagen noch in weiter Ferne und der Kalte Krieg beherrschte noch die Beziehungen der Nationen untereinander und in Deutschland auch den Umgang des Staates mit seinen jungen Bürgern. 18 Monate Wehrdienst waren Pflicht für junge Männer, alternativ konnte man Zivildienst leisten, der aber auf 24 Monate festgesetzt wurde.

Dazu gab es eine Gewissensprüfung, in der man darlegen musste, warum man nicht bereit war, das Land gegebenenfalls mit der Waffe gegen die kommunistische Bedrohung aus dem Osten zu verteidigen. Als Mitglied der Jusos und Friedensaktivist war es Volker Bracher klar, dass er sich für den sechs Monate längeren Zivildienst entscheiden würde. Aus der Pflicht wurde aber eine ganz wichtige Lebenserfahrung für den jungen Mann. Der Umgang mit schwerstbehinderten Menschen führte bei ihm zu einem Gefühl der Demut: „Zu sehen, wie Gleichaltrige mit Querschnittslähmungen trotz aller Widrigkeiten, ohne zu klagen ihr Leben meisterten, hat mich tief bewegt. Ich habe aus dem Zivildienst für mich gelernt, demütig und dankbar zu sein dafür, wie viele Möglichkeiten wir in unserem Leben haben.“

Liebe zum Theater

Diese Erfahrung floss auch nach dem Studium in seine Arbeit als Theaterpädagoge und Regisseur ein, unter anderem auch am Schlosstheater Celle. Die Zusammenarbeit mit vom Leben benachteiligten Menschen blieb ihm ein wichtiges Anliegen. Ende der 90er Jahre leitete er in Göttingen ein Laientheaterprojekt mit Drogenabhängigen. 2001 nahm er die Idee in Celle nochmals auf und realisierte in der CD-Kaserne ein Musiktheaterprojekt. Eine gemeinsam eingespielte CD mit Songklassikern, die sich mit der Drogenproblematik auseinandersetzten, blieb als gemeinsame Erinnerung für alle Beteiligten an das ambitionierte Projekt.

Der Musik gehörte auch seine frühe Leidenschaft, er sang viele Jahre im Knabenchor seiner Heimatstadt und stand als Solist einer Oper in der Titelrolle auf der Bühne und im Rundfunksaal mit großem Orchester und Chor. Er liebte die klassische italienische Oper und beschloss, Opern-Regisseur zu werden. Er legte Auslandssemester in Italien ein, um die Sprache perfekt zu lernen. Zwar wurde er nicht, wie anfangs gedacht, ein Opern-Impresario, aber seine Leidenschaft führte ihn später unter anderem an die Niederländische Reise-Oper in Enschede, wo er als Abendspielleiter bei Gastspielen in allen großen Opernhäuser in den Niederlanden agierte.

Die Kunst des Übersetzens

Die Beherrschung der italienischen Sprache führte ihn aber in einen noch ganz anderen Bereich, in den des Übersetzens. Als er vor drei Jahren im Urlaub auf Sardinien zufällig am Strand den italienischen Autor und Filmemacher Giacomo A. De Bastiani kennenlernte, war dies der Beginn einer engen Freundschaft und eines anspruchsvollen Projekts zugleich. Volker Bracher las mit Begeisterung das Buch seines italienischen Freundes „Die sonderbare Insel der Entschwebten“ auf Italienisch und fasste den Entschluss, dass die ganz besondere Lektüre auch einer deutschsprachigen Leserschaft nicht vorenthalten werden dürfte.

Es ist die wahre Kindheitsgeschichte des 1959 in der Toskana geborenen Autors, dessen Elternhaus auf dem Friedhof einer kleinen Stadt stand. Die humorvolle und anrührende Erzählung von einer Kindheit inmitten einer Geisterwelt, mit echten und imaginierten Freunden, hat der Übersetzer mit viel Liebe zum Detail ins Deutsche übertragen. Die deutsche Ausgabe, die kürzlich auf der Frankfurter Buchmesse vorgestellt wurde, besticht neben der Story auch durch die phantasievollen Illustrationen der Tattoo-Künstlerin Maya Boll. Um dem Leser einen Eindruck von dieser phantastischen Geschichte und der feinen, nuancierten Übersetzung Volker Brachers zu verschaffen, hier ein kurzer Auszug:

„Ich liebte es, mit dem Fahrrad durch die engen Alleen des Friedhofs zu fahren, und eines Tages, als ich alleine in die Pedale trat, bat mich mein Vater, ihm bei einer Exhumierung zu helfen. Die Schwierigkeiten begannen, als wir die Reste der Holzkiste erreichten. Es war wichtig, bei der Bergung der Überreste von Verstorbenen sehr vorsichtig vorzugehen, Spaten und Hacke stehen zu lassen und mit einem kleinen Grabewerkzeug fortzufahren. Dank meiner früheren Forschungen an ‚antiken Funden‘ in meinem ‚Garten‘ war ich bereits ein erfahrener Archäologe, aber es war das erste Mal, dass ich vor Publikum auftrat.

Die Verwandten des Verstorbenen beobachteten aufmerksam und besorgt jeden meiner Handgriffe und brachten mich dadurch so durcheinander, dass ich den Schädel zu schnell herausziehen wollte. Durch eine ungeschickte Bewegung spaltete ich die Schädeldecke, die noch immer halb in der Erde steckte. Dies löste bei unserem Friedhofs-Arbeiter ein donnerndes Gelächter aus - zur allgemeinen Entrüstung der zuschauenden Verwandten, die sich über meinen Vater empörten und ihm vorwarfen, einen kleinen Jungen für eine solch harte Arbeit missbraucht zu haben Die Blamage war so riesig, dass ich weinend nach Hause rannte.“

Von Georg Wießner

lebenslauf

1960

Geboren in Stuttgart, verheiratet, vier Kinder

1979 bis 83 und 1985 bis 89

Studium der Theaterwissenschaften, Italianistik

1983 bis 85

Zivildienst mit Schwerstbehinderten

1989 bis 2003

Dramaturg, Regisseur in Stuttgart, Krefeld, Freiburg, Göttingen und Celle

2003 bis 2005

Leiter des Kulturszenebüros Südheide im Albert-König-Museum, Unterlüß

2005 bis 2007

Kulturredakteur, Mitarbeiter bei DD NetService Eschede, Studium des Lehramts an Gymnasien in Hannover, Braunschweig und Hildesheim

2007 bis heute

Lehrer für Deutsch, Theater und Musik an der Sophie-Scholl-Gesamtschule in Wennigsen und am Gymnasium Uetze

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