Radsportfan Erich Müller

Historische Rennräder sind seine Leidenschaft

Erich Müller aus Wieckenberg besitzt rund 60 Rennräder. Einige sind mehr als hundert Jahre alt. So entwickelte sich seine Leidenschaft für das Sportgerät.

  • Von Cellesche Zeitung
  • 23. Apr. 2022 | 13:57 Uhr
  • 12. Juni 2022
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  • 12. Juni 2022
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Wieckenberg.

"Das Rad bedeutet schon ein bisschen Anarchie“, findet Erich Müller. Der gebürtige Münchener hat 2016 in Wieckenberg eine neue Heimat gefunden. Mit von der Partie: seine Sammlung von etwa 60 historischen Rennrädern, die teilweise mehr als hundert Jahre alt sind.

Wieckenberger besitzt rund 60 historische Rennräder

„Mit dem Rad ist man unabhängig“, führt Müller weiter aus. „Man benötigt kein Öl, keinen Treibstoff, keine Versicherung, keine Steuer und kein Futter. Es braucht wenig und ich kann damit um die ganze Welt fahren, wenn ich will. Man hat nahezu unbegrenzte Möglichkeiten und ist komplett frei.“

Seine Rennradsammlung entstand anfangs eher zufällig: „Mein erstes Rennrad habe ich im Sperrmüll auf dem Wertstoffhof entdeckt.“ Das vollständig funktionstüchtige Sportrad der Marke Dürkopp hat ihn derart fasziniert, dass Müller fortan immer wieder auf dem Wertstoffhof vorbeischaute und dabei auch andere Räder entdeckte.

Geschichte des Fahrrades machen Hobby interessant

Technikgeschichte, soziologische und geschichtliche Hintergründe des Fahrrades machen das ungewöhnliche Hobby für Müller so interessant. „Durch das Rad wurden die Armen beweglich“, erläutert er. Die Detailarbeit bei der geschichtlichen Rekonstruktion sowie der Aufarbeitung des jeweiligen Fahrrades mit Originalbauteilen machen dabei einen besonderen Reiz aus: „Es ist wie ein Puzzle. Man erfährt, wann es welche Bremse bei welcher Marke gab, wo es erste Sattelstützen und Schaltungen gab und vieles mehr.“

Jedes Detail muss passen

Müller begann, immer genauer zu schauen und nach weiteren Details für seine Räder zu suchen. Neue Rennräder kamen hinzu, für die auch wieder nach Bauteilen gesucht werden musste. „Es macht mir einfach Spaß, Teile vor dem Verschrotten zu retten und ihnen neues Leben einzuhauchen.“ So wuchs Müllers Sammlung immer mehr an und er tauchte tiefer in die Materie der Rennradgeschichte ein.

Seine Grundkenntnisse aus der eigenen Radsportzeit kommen ihm dabei zugute. „So erfährt man spannende und vielseitige Infos über die Details, beispielsweise wie sich der Radsport im Dritten Reich entwickelte oder welche Entwicklungen bei der Baugeschichte einzelner Teile stattfanden.“ Über das Rad lässt sich laut Müller auch immer auf die realhistorische Zeit schließen, wodurch sich die Veränderungen in der Radsportszene genau verfolgen lassen.

60 Rennräder verschiedener Marken und Epochen

In seiner Scheune beherbergt Müller etwa 60 Rennräder verschiedener Marken und Epochen. Alle sind chronologisch geordnet und aufgestellt. So beginnt der Rundgang ab 2013 abwärts mit einem Carbonrad, führt über sein erstes historisches Rad von 1950, ein Olympia-Bahnrad von 1936 sowie das erste Dürkopp von 1910 bis hin zu seinem ältesten Rad aus dem Jahr 1895. Dabei handelt es sich um ein schwarzes Rennrad des englischen Herstellers Elvish, das über seltene Laufnaben und eine Steuerplakette verfügt, wie sie damals an Fahrrädern zu finden waren. Historisches Fachwissen zu Rennen, Rädern und Typen des Radrennsports – Müller kann zu allem etwas erzählen.

Zu jedem Rad gibt es eine Geschichte

„Diese Räder liegen unheimlich gut auf der Straße“, schwärmt er. „Sie haben schöne Lager und laufen total schön. Damals war so ein Fahrrad im Verhältnis sehr teuer. Etwa zehn Monatslöhne musste man dafür auf den Tisch legen – quasi wie heute bei einem Auto.“

Fast jeden Tag auf dem Rad

Die Begeisterung für den Radsport entstand noch vor seiner Sammelleidenschaft bereits in Müllers Jugend. Wenngleich er nicht in einem Rennteam gefahren ist, so weiß er doch, was es heißt, den Radrennsport akribisch zu betreiben. „Früher habe ich fast jeden Tag in der Woche mindestens eine, oft auch bis zu drei Stunden auf dem Rad verbracht“, erinnert er sich.

Kurven, Geschwindigkeiten und steile Abfahrten inklusive Stürzen waren damals für Erich Müller an der Tagesordnung. Im Gegensatz zu professionellen Rennfahrern ist es ihm jedoch fast immer gelungen, die Grenzen seines eigenen Körpers zu respektieren. „Ich habe das mehr aus Spaß an der Freude gemacht“, erzählt Müller. „Ich war nie so der Wettkampftyp. Für mich ist es einfach eine faszinierende Sportart, man ist mit seinem Sportgerät unmittelbar verbunden – fast wie ein Geiger mit seinem Instrument.“

Erich Müller: „Faszinierende Sportart“

Aus diesem Grund ist Müller begeistert von der Radsportgruppe Flügelrad in Eschede. „Dort wird der Sport als das gesehen, was er ursprünglich war. Man geht weg von dem Gedanken ‚Höher, schneller, weiter‘. Man ist engagiert, aber nicht verbissen.“ Als Freund und Unterstützer der Gruppe übernimmt Müller in diesem Sommer die Rolle des Versorgungsfahrers. Das Ziel: die Tour de France – wenn auch eher in der Zuschauerrolle. Sechs Teilnehmer der Radsportgruppe machen sich mit ihren Rädern auf den Weg zur Eröffnungsetappe der Tour in Dänemark. Müller freut sich auf seine Aufgabe als Begleitfahrer.

Leben als sportliche Herausforderung

Mittlerweile betreibt er selbst das Radfahren nicht mehr im sportlichen Sinne. Dennoch kann er weiterhin viel aus seiner Leidenschaft für den Sport auf seinen Alltag übertragen: „Ich sehe das Leben als sportliche Herausforderung. Dabei erlebt man tiefste Tiefen und höchste Höhen. Umso mehr freue ich mich, dass mich spannende und interessante Menschen umgeben.“

Von Stefanie Franke

Lebenslauf

1964

Geburt in München

1970

Besuch der Grundschule Forstenried, Im Anschluss Besuch der Hauptschule Starnberg

1979

erste Anfänge im Radsport

1979

Ausbildung zum Gärtner im elterlichen Betrieb mit anschließender beruflicher Tätigkeit

1990

Weiterbildung zum Gärtnermeister

1993

Übernahme des elterlichen Gartencenters zwischen Starnberg und Schäftlarn

2004

Berufsunfähigkeit nach gesundheitlichen und körperlichen Einschränkungen

2016

Umzug nach Wieckenberg

Von