Nick Lloyd

Von Alaska über Bochum nach Celle

Nick Lloyd kam über "Starlight Express" in London und Bochum nach Celle und eröffnete hier seine Musical- und Tanzschule. Was ihn antreibt und wie er tickt.

  • Von Jürgen Poestges
  • 12. Feb. 2022 | 17:00 Uhr
  • 12. Juni 2022
  • Von Jürgen Poestges
  • 12. Feb. 2022 | 17:00 Uhr
  • 12. Juni 2022
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Celle.

Aus einem Nebenraum der weitläufigen Hallen des Gebäudes ganz hinten im Eck des CD-Kasernen-Geländes ist das Geräusch eines Staubsaugers zu hören. Der Hausherr legt hier persönlich Hand an beim Saubermachen. „Na ja, wenn die Schüler kommen, soll es ja gut aussehen“, sagt Nick Lloyd, schmunzelt und stellt den Staubsauger in die Ecke. „Lloyd‘s Musicalschule“, so hieß es bis vor Kurzem, nun wurde es umbenannt in „Lloyd‘s Dancecenter Celle“. „Ich möchte einfach eine größere Bandbreite in der Schule anbieten“, erklärt der Inhaber, der am 15. April 1959 in London geboren wurde.

Seine jährliche Tanz-Show in der Congress Union Celle sorgte in den vergangenen Jahren regelmäßig für Aufsehen. Allerdings musste sie in den beiden vergangenen Jahren coronabedingt ausfallen. Im kommenden November soll sie stattfinden. Lloyd selbst ist auch immer Teil der Show. „Don’t stop“ ist das Motto des quirligen Tänzers. „Ich habe hier Tanzgruppen in allen Altersgruppen. Da muss man fit bleiben, will man etwas vorführen.“

Mit drei Jahren zum Tanzunterricht

Die Leidenschaft für den Tanz hat schon ganz früh begonnen. „Meine Mutter war Tänzerin. Und ich bin mit drei Jahren zum Tanzunterricht gegangen.“ Da hatte es ihn auch schnell gepackt. „In England ist es so, dass am Sonntag zu Mittag gegessen wird, und dann schaut man sich alte Schwarz-Weiß-Filme an.“ Darin hat er zum ersten Mal seine Vorbilder gesehen. „Fred Astaire und Gene Kelly – das waren meine Helden. Ich wollte unbedingt Stepptanz lernen und ein Star wie diese beiden werden“, erzählt er lachend.

Phil Collins als Schul-Kollege

Die Familie zog dann in die Midlands nach Worcestershire, wo Vater Lloyd bei der Royal Worcester Porzellan-Manufaktur als Designer arbeitete. „Diesen Porzellanhersteller gibt es nicht mehr“, sagt Lloyd. „Nach über 100 Jahren ist er pleite gegangen.“ 1976 machte Nick Lloyd Ernst und ging auf die „Stage School Italia Conti“ nach London. „Das ist in England eine sehr bekannte Schule.“ Die Italia Conti Academy of Theatre Arts ist eine Bildungseinrichtung für darstellende Künste. Sie wurde 1911 von der Schauspielerin Italia Conti gegründet und bietet eine Vielzahl von Disziplinen und Theaterausbildungen an Sekundarschulen, Weiterbildungen und Hochschulen an. „Einer meiner Kollegen in der Ausbildung war übrigens Phil Collins. Er hat lange vor seiner Musik-Karriere auch eine Musical-Ausbildung gemacht. Und er ist allen auf die Nerven gegangen, weil er überall, wo er ging und stand, auf alles um ihn herum draufgetrommelt hat“, erzählt er.

Ritterschlag Royal Albert Hall

In der Londoner Schule lernte Lloyd nicht nur das Tanzen, sondern auch Singen und Schauspielern. „Was man halt alles braucht, um ein guter Musical-Darsteller zu werden.“ Er trat unter anderem als Tänzer in einigen britischen Fernsehshows auf. Und im Jahr 1982 klappte es dann auch mit dem Starruhm. Als Mitglied des Vocal-Ensembles „Stutz Bear Cats“, die ähnliche Musik machten wie „Manhattan Transfer“, trat er in der Royal Albert Hall und im Palladium auf. „In diesen beiden Hallen auftreten zu dürfen, ist so etwas wie ein Ritterschlag in England“, erzählt er stolz. Die Band wurde durch ihre Tourneen und durch Fernsehauftritte zu einer Berühmtheit in Großbritannien. „Man hat uns wirklich auf der Straße erkannt, das war ein völlig neues Gefühl.“

1984 kam er zum Musical „Starlight Express“ in London. „Ich hatte das Glück, dass ich ziemlich flexibel war, was die Rollen anbetrifft. Ich habe Rusty, Greaseball, Dustin und Electra verkörpert“, erinnert sich Lloyd. Drei Jahre lang spielte er die Loks auf Rollschuhen.

Der Ruf aus Deutschland

Als er dann 1991 als Entertainer auf einem Kreuzfahrtschiff unterwegs war, ereilte ihn der Ruf aus Deutschland. „Ich weiß es noch genau, wir waren gerade mit dem Schiff in Alaska“, erzählt er. „Da kam der Anruf aus Bochum, ob ich nicht bei der Produktion vom Starlight Express in Deutschland mitmachen wollte.“ Aus dem Engagement, das eigentlich nur ein Jahr dauern sollte, wurde eine siebenjährige Beschäftigung. „Ich musste allerdings noch einiges lernen. In London war es ein kleines Theater, da konnten wir mit den Rollschuhen nicht so viel herumfahren. In Bochum war das Theater extra dafür gebaut worden.“ Mit bis zu 30 Kilometern in der Stunde rasen die Akteure da durch die große Halle. „Das ist auch der Grund, warum es statt der üblichen zwei Besetzungen für eine Rolle drei oder vier gibt“, sagt er. „Es kommt eben häufig vor, dass sich Schauspieler verletzen.“

Ein ausgekugelter Arm

Lloyd selbst hat es „nur“ zweimal erwischt. Einmal ist er so böse gestürzt, dass er sich seine Schulter ausgekugelt hat. „Nach einem Sturz wollte ich mich mit dem Arm auffangen, das war ein Fehler. Das hat höllisch wehgetan, bis er wieder eingekugelt wurde.“ Ein anderes Mal ist er in voller Montur durch eine Tür zum Zuschauerraum gerauscht und die Treppe dahinter hinunter. „Da habe ich mir allerdings nicht so viel getan, weil ich das Kostüm anhatte. Und das schützt schon ganz gut.“

Was ihm vor allen Dingen aus Bochum in Erinnerung geblieben ist: „Ich war der erste weiße Darsteller, der den Papa gespielt hat. Die Rolle wurde sonst immer nur von Farbigen übernommen. Aber es war jemand krank geworden, ich habe dann etwas tiefer gesungen, und es hat geklappt.“

Nach Bochum ins Ruhrgebiet zieht es ihn im Übrigen auch noch mindestens einmal im Jahr. „Es gibt regelmäßig Treffen mit allen Darstellern, die jemals beim Starlight Express mitgewirkt haben“, erzählt Lloyd. „Da merke ich dann immer wieder, dass ich nicht mehr der Jüngste bin. Ich stehe da bei der Gruppe mit den grauen Haaren, während auf der anderen Seite die jungen Leuten von 17 oder 18 Jahren stehen, die aktuell dort spielen. Aber es sind immer schöne Treffen, weil man alte Freunde wiedersieht.“

Auftakt auf Badminton-Court

Seinen Wunsch nach einer eigenen Musicalschule erfüllte Lloyd sich dann in Celle. Wegen der Familie war er im Landkreis gelandet. „Angefangen habe ich auf einem Badminton-Court im Sportpoint Lachendorf. Den habe ich an einem Tag in der Woche für fünf Stunden gemietet.“ Zu Beginn waren es 15 Schüler, die in die Tanzstunden kamen. Über den Umweg von Räumlichkeiten an der Itagstraße landete er dann letztlich in der CD-Kaserne. Seit 1999 ist er der Leiter der Musicalschule.

Sprecher für Werbespots

Mit seiner sehr warmen britischen Stimme ist Nick Lloyd seit vielen Jahren ein gefragter Sprecher – ein weiteres Standbein. „Da habe ich auch schon viele Dinge erlebt“, erinnert er sich und muss schmunzeln. Bei einem Radio-Werbespot für Mercedes war er dabei und sollte einen britischen Autohändler sprechen. „Ich wollte vorab den Text haben, damit ich wusste, was auf mich zukommt“, erzählt er. „Am Ende musste ich nur ein Wort sagen: Ready! Wir sind fertig. Aber auch das hat eine halbe Stunde gedauert, bis alle zufrieden waren.“ Er hat das E-Book „Beauty and the Beast“ eingelesen, für Jeans Werbung gemacht und für akustische Museums-Führer den englischen Text eingesprochen. Ein Mann mit vielen Talenten halt.

Der Staubsauger war schon wieder zu hören, da war die Tür nach draußen noch nicht wieder zugefallen.

lebenslauf

15. April 1959

Geburt in London

1976 bis 1979

Stage School Italia Conti, London

1980 bis 1982

Tänzer im englischen TV: BBC, Thames TV, ITV

1982 bis 1984

Mitglied im Vocal-Ensemble „Stutz Bear Cats“ mit Auftritten in der Royal Albert Hall und im Palladium

1984 bis 1987

Musicaldarsteller „Starlight Eypress“ in London

1987 bis 1991

Entertainer auf dem Kreuzfahrtschiff „Princess Cruises Line“ Los Angeles

1991 bis 1998

Musicaldarsteller „Starlight Express“ in Bochum

Seit 1991

Englischer Sprecher für Werbung und Trickfilme