Malerin Hailie-Jade Pirie

Wietzer Talent beeindruckt Celler Kunstszene

Ein Künstlerinnen-Leben zwischen Schule, Hunden und Staffelei: Die 19-jährige Hailie-Jade Pirie ist ein vielversprechendes Talent in der Celler Kunstszene.

  • Von Cellesche Zeitung
  • 29. Apr. 2022 | 18:30 Uhr
  • 12. Juni 2022
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Wietze.

"Den habe ich doch schon irgendwo gesehen – ist das nicht…?“ Eine nicht seltene Reaktion von Kunstinteressierten, die sich die Portraits von Hailie-Jade Pirie zum ersten Mal anschauen. Tatsächlich entstehen die Gesichter aber vor dem geistigen Auge der Künstlerin. Im Stile des Impressionismus nimmt sie bei ihren Spaziergängen aufmerksam die Menschen in ihrer Umgebung wahr, sammelt die Eindrücke, um dann zu Hause an der Staffelei in die Phase des künstlerischen Schaffens einzutreten.

Wer Werke gesehen hat, ist überrascht von Alter der Künstlerin

Dort zeigt sie dann ihre expressionistische Seite: „Ich lasse meinen Gefühlen freien Lauf und weiß vorher nie, welches Resultat letztlich entsteht“, erläutert die 19-jährige Schülerin, die auch als Steuerfrau beim Celler Ruderverein bereits Erfolge feierte , ihre Herangehensweise und die auffällig dynamische Strichführung. Wer zunächst nur ihre Werke gesehen hat, ist überrascht von der Jugend der Malerin. Denn die Bildersprache zeigt eine Reife, die man eher bei Künstlern in einem späteren Lebensabschnitt vermuten würde. Sehr früh hat sie ihren ganz eigenen Stil gefunden, ohne eine künstlerische Ausbildung oder Anleitung.

Kunst und Lebenskrise

Ihre Neigung, sich künstlerisch auszudrücken, zeigte sich schon in ganz frühen Jahren. Zunächst beim Basteln in der Grundschule, dann später im Kunstunterricht. Beim Werken mit ihren eigenen Händen konnte sie sich ganz fallen lassen und so ihre eigenen Welten erschaffen. Viel Lob und Anerkennung erhält die junge Künstlerin derzeit. Das war allerdings nicht immer so.

Denn ihre Fähigkeit und Angewohnheit, dem Schulunterricht zu folgen und gleichzeitig auf einem kleinen Block zu zeichnen, stieß bei manchen Lehrern auf wenig Verständnis, die es eher als Unkonzentriertheit oder gelangweilte Attitüde interpretierten. Der scheinbar kleine Konflikt wuchs sich zu einer echten Lebenskrise aus. Die sensible Phase der Selbstfindung in der Pubertät spielte sicherlich auch eine Rolle. Jedenfalls fühlte sich die Schülerin auf dem Ernestinum-Gymnasium zunehmend in ihrer Person missverstanden und nicht ernst genommen, und ihre schulischen Leistungen ließen stark nach. Aber ein Zufall zeigte einen Weg aus der Krise.

Junge Frau verliert Unsicherheit

Das Ernestinum befand sich auf dem gleichen Gelände wie die integrierte Gesamtschule (IGS), auf welche auch mehrere ihrer Freunde gingen. Ein intensives Gespräch mit der Schulleiterin der IGS überzeugte sie von einem Schulwechsel. „Es war die wichtigste und beste Entscheidung in meinem bisherigen Leben“, sagt Hailie-Jade Pirie und ergänzt: „Ich fühlte mich als Person wieder geschätzt, meine Leistungen besserten sich deutlich und meine künstlerische Neigung wurde anerkannt und gefördert.“ Heute erlebt man Hailie-Jade Pirie als freundliche, eloquente Gesprächspartnerin, und man mag es kaum glauben, wenn sie erzählt: „Es ist noch gar nicht so lange her, da war ich derart verunsichert, dass ich meinem Gegenüber kaum in die Augen schauen konnte.“

Anerkennung als Malerin

Fast möchte man von einem kometenhaften Aufstieg in der Celler Kunstszene sprechen. Die Einladungen für Ausstellungen häufen sich, und es kommen sogar Anfragen für persönliche Portraits – eine Arbeitsweise, die sie vor neue Herausforderungen stellt. Topmodels sieht man nicht unter ihren Portraits und wahrscheinlich liegt darin auch der besondere Reiz für den Betrachter. „Mich interessieren keine makellosen oder gestylten Gesichter, die man im Überfluss in den sozialen Netzwerken finden kann. Mich haben schon immer ausdrucksstarke Gesichter mit Ecken und Kanten fasziniert“, erklärt die Schülerin. Bei ihrem bisherigen künstlerischen Werdegang spielten Menschen aus ihrem persönlichen Umfeld eine große Rolle. Da war zunächst ihre Kunstlehrerin auf dem Ernestinum, die sie ermutigte großformatig mit Farbe zu arbeiten und für sich einzustehen. Es folgte der landesweite „Jugend Gestaltet Wettbewerb 2020“, bei dem sie es mit ihren Bildern auf die Werbeplakate und das Cover des Ausstellungskatalogs schaffte.

Ein ganz bedeutender Schritt in Richtung künstlerische Anerkennung war die Aufnahme in die Künstlerriege des „Atelier 22“. Schützenhilfe leistete dabei ihre ältere Schwester, mit der sie eine dort stattfindende Vernissage besuchte. Ihre Schwester fasste sich ein Herz und zeigte den Verantwortlichen des Ateliers kurzerhand ein paar Bilder auf dem Handy. „Sehr talentiert, kommen Sie doch mal vorbei und bringen Ihre Bilder mit“, war die Antwort und der Beginn einer vielversprechenden Verbindung. Der Verein freute sich über eine neue ausdrucksstarke junge Malerin.

Bodenständig und bescheiden

So hieß es auf der Jahresausstellung „Kreativ umgesetzt“ im Jahr 2020: „Bereits mit ihren 17 Jahren zeigt sie Kunst, die der Betrachter nur als fortgeschritten bewerten kann.“ Bei der vielfach beachteten Bilderausstellung des „Atelier 22“ im März dieses Jahres auf dem Gelände der Celler Brunnenbau waren ihre großformatigen Portraits ein echter Publikumsmagnet . Trotz des Erfolgs ist die 19-Jährige sympathisch bescheiden geblieben. Ihre Bilder signiert sie mit „Nemo“, das lateinische Wort für Niemand. „Ich möchte zum einen damit ausdrücken, dass die gemalten Personen nicht real sind, und zum anderen finde ich, dass die Bilder an sich das Wichtige sind und nicht meine Person.“ Neben der Schule jobbt sie noch in einem Geschäft für Schulranzen in der Altstadt, „damit meine Eltern, die mich immer so toll unterstützen, ein wenig entlastet sind“.

Leistungsfächer Deutsch, Geschichte und natürlich Kunst

Bodenständig zeigt sie sich bei möglichen Plänen für die Zukunft. „Beim Zoll oder bei der Polizei“, könnte sie sich beruflich sehen. Eine Rolle dabei dürfte auch ihre Schwester spielen, zu der sie ein inniges Verhältnis hat und die ein Vorbild für sie ist. Die ist nämlich bei der Bundeswehr angestellt. Die Kunst soll jedenfalls weiterhin eine große Rolle in ihrem Leben spielen. Zunächst richtet sie ihre Energien vor allem auf das Ziel, im kommenden Jahr das Abitur gut zu bestehen. Neben Deutsch und Geschichte gehört natürlich auch Kunst zu ihren Leistungsfächer. Ein wenig überraschend nicht Englisch, denn als bilingual aufgewachsenes Kind englisch/schottischer Eltern hätte sie da sicherlich schon ein bedeutendes Plus mitbringen können. Künstlerallüren sind ihr fremd, und wenn sie begeistert von ihrem Elternhaus mit den vier Hunden und neuerdings auch Hühnern spricht, hat man nicht die erfolgreiche Malerin, sondern einen ganz normalen Teenager vor sich.

Von Georg Wießner

Lebenslauf

2002

geboren in Celle, aufgewachsen in Wietze

2020

Schulwechsel vom Ernestinum auf die Integrierte Gesamtschule

Ausstellung zum 20. Landeswettbewerb „Jugend gestaltet“

Ausstellung des „Atelier 22“: „Kreativ umgesetzt“

2021

Ausstellung „Die Neuen im Atelier 22“

Ausstellung „Heavy Metal“ auf dem Gelände der Celler Brunnenbau GmbH.

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