Gründer des Shanty-Chores

Liebe zu Holz und Seemannsliedern

Tischler-Meister Manfred Horstmann gründete vor fast 25 Jahren den Celler Shanty-Chor. So hält er die Liebe zur Heimat frisch.

  • Von Cellesche Zeitung
  • 28. Nov. 2021 | 11:01 Uhr
  • 12. Juni 2022
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Celle.

Das Meer – bis heute Sehnsuchtsort von Generationen von Malern, Poeten und Komponisten. Und nicht selten hatten die Begeistertsten unter ihnen in ihrem eigenen Leben recht festen Boden unter den Füßen. So auch der Gründer des Shanty-Chors Celle, Manfred Horstmann, der als Tischler vor allem in der heimischen Lüneburger Heide seinem Beruf nachging. Woher also seine Liebe zur See und vor allem den Seemannsliedern? „Ich kann den Grund auch nicht benennen, vielleicht hat es mit meinen frühesten Kindheitserlebnissen zu tun“, sagt der heute 85-Jährige und meint seinen Geburtsort Tallinn (bis 1918 Reval) in Estland. 1936 in der geschichtsträchtigen Hafenstadt an der Ostsee geboren, ist seine Erinnerung an seine frühe Kindheit bestechend klar.

Mit Freude erinnert er sich an die unbeschwerte Zeit, gemeinsam mit Eltern und Großeltern beim Spielen am Ostseestrand. Doch der Harmonie war keine lange Zeit vergönnt. Die dunklen Wolken der Geschichte ließen auch seine Eltern nicht verschont. 1939 wurde Tallinn von russischen Truppen besetzt, und im Zuge des Hitler-Stalin-Pakts wurden viele deutschstämmige Familien umgesiedelt. Die Familie kam zunächst in ein Auffanglager in Posen und von da aus nach Celle, der Stadt, der der reisefreudige Mann bis heute die Treue gehalten hat.

Traumberuf Tischler

Neben der See war dem jungen Manfred schon sehr früh eine andere Liebe gewachsen – die zum Holz. Auch hier spielte der Großvater wieder eine Rolle, denn anstatt Sandburgen zu bauen, brachte er dem Kind viel lieber bei, wie man Nägel ins Holz schlägt und welch wunderschöne Dinge daraus entstehen können. So verwundert es nicht, wenn Manfred Horstmann erzählt: „Als damals in der Schulzeit einmal ein Arbeitsberater in die Klasse kam und die Kinder aufforderte, drei Berufswünsche zu notieren, war er überrascht zu sehen, was meine Wünsche waren: Tischler, Tischler und nochmals Tischler!“ Und so kam es dann auch.

Da er schon immer seinen eigenen Kopf hatte, fruchteten auch die Bemühungen der Eltern nichts, den Jungen von einem Studium zu überzeugen. Es begann eine Zeit des intensiven Lernens, und gepaart mit seiner Reiselust führte es den jungen Mann unter anderem nach München und in die Schweiz. „In der Schweiz wurde mein Arbeitsvertrag nach zwei Jahren nicht verlängert. Ich habe meine ganz eigene Vermutung über den Grund“, erzählt der Tischler mit einem verschmitzten Lächeln und ergänzt: „Beim Arbeiten war ich immer ganz bei der Sache und habe mich nicht ablenken lassen. Dadurch habe ich teilweise solch ein Tempo hingelegt, das vielleicht nicht allen gefiel.“

Lieber in Celle eigene Firma gegründet

Ganz dicht bei seinem Traum von der Seefahrt war Manfred Horstmann als Tischler bei der Meyer-Werft in Papenburg. Nach der Fertigstellung gehörte er der Crew an, die die Schiffe auf hoher See auf ihre Tauglichkeit überprüften. In einen argen Gewissenskonflikt brachte ihn dann ein Angebot, sich ganz der See zu verschreiben und als Tischler auf einem Schiff zu arbeiten. Letztlich entschied er sich dagegen. Er wollte seine Mutter in Celle, zu der er immer ein ganz enges Verhältnis hatte, nicht allein lassen. Beruflich war die Entscheidung ein echter Glücksgriff. Er gründete seine eigene Firma, und die stetig steigende Nachfrage führte zu einem florierenden Geschäft mit zahlreichen Angestellten.

Mit gesamtem Chor nach Sylt gereist

Der See hielt er aber die Treue, wenn auch „nur“ als regelmäßiger Tourist, und da vor allem auf Sylt. Dort kam er auch in Kontakt mit dem Sylter Shanty-Chor, von dem er sich kaum eine Aufführung entgehen ließ. So reifte dann langsam, aber sicher der Entschluss, so etwas in seiner Heimat auch auf die Beine zu stellen. Gedacht, getan – so gründete er 1997 den ersten Shanty-Chor Celles, der bis heute die Konzertbesucher von der großen Freiheit auf hoher See träumen lässt. Bei den Konzerten fast immer mit dabei ist seine langjährige Lebensgefährtin Sonja, die aber wie auch die anderen Begleiterinnen bei den Konzerten im Zuschauerraum Platz nehmen muss. „Von Beginn an gab es zahlreiche interessierte Frauen, die gerne am Chorgesang teilgenommen hätten. Nun gehöre ich allerdings zu den Traditionalisten, die mit dem typischen Klang eines Shanty-Chors vor allem Männerstimmen in Verbindung bringen“, sagt der Chorgründer, dessen Linie sich aber nicht ganz durchhalten ließ. Mittlerweile schmettern auch drei Damen die Seemannslieder zusammen mit ihren männlichen Kollegen.

Die Reisen nach Sylt wurden nun immer öfter auch mit dem gesamten Celler Chor unternommen. Ein ganz besonderer Höhepunkt war ihre Teilnahme an einem Festival 2002 in der Sylter Musikmuschel vor ganz großem Publikum. „Nach dem erfolgreichen Auftritt mussten wir als alte Seebären auch unsere Trinkfestigkeit unter Beweis stellen“, deutet der Tischler-Meister an, dass das Vergnügen beim und nach dem Singen auch immer eine große Rolle spielte.

Bescheidenheit, Humor und Herzenswärme

Mit seinen 85 Jahren steht er heute zwar nicht mehr in der ersten Reihe auf der Bühne, aber seine beeindruckende Gesangsstimme rührt auch weiterhin die Herzen der Menschen. „Kürzlich habe ich zum Abschied einer sehr guten Freundin bei ihrer Beerdigung das Lied ‚Rolling Home‘ gesungen, und ich musste schwer gegen die eigenen Tränen ankämpfen“, erzählt der Chorgründer und bestätigt in gewisser Weise die Äußerungen seiner Kollegen über ihn. Seine Herzenswärme, Großzügigkeit und sein Humor sind dabei die Wesensmerkmale, die immer angeführt werden, wenn seine Person beschrieben wird. Man möchte als Interviewpartner auch noch seine Bescheidenheit anführen, die im Gespräch deutlich wird, wenn er oft viel lieber über die anderen Chormitglieder und ihre positiven Eigenschaften erzählen möchte als über die eigene Person. So erwähnt er mit aufrichtiger Hochachtung seinen langjährigen Freund und zweites noch verbliebenes Gründungsmitglied, Jürgen Collmar, der auch heute noch als Solist aktiv ist: „Unvergessen sein großartig gesungenes ‚Shenandoah‘ 2012 in der Dresdner Frauenkirche“.

Von Georg Wießner

lebenslauf

1936

Geboren in Reval/Estland, 2 Kinder, 3 Enkel, 1 Urenkelin

1945

Umsiedlung nach Celle

1951

Tischlerlehre in Celle, Gesellenzeit

1957

Tischler bei der Meyer – Werft in Papenburg

1959

berufliche Qualifikationen in der Schweiz u. Frankreich

1965

Meisterprüfung in München

1965 bis 1995

Tischlermeister mit eigenem Betrieb

1996 bis 2006

Gutachter bei der Handwerkskammer Lüneburg-Stade

1997

Gründung des Celler Shanty-Chores

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