Jungvögel

Finger weg

Sie brauchen meistens keine Hilfe, sondern Ruhe: Finger weg von Mini-Vögeln. Eine Glosse von Michael Ende.

  • Von Cellesche Zeitung
  • 17. Mai 2022 | 08:00 Uhr
  • 14. Juni 2022
  • Von Cellesche Zeitung
  • 17. Mai 2022 | 08:00 Uhr
  • 14. Juni 2022
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Celle.

"Ooooch! Guck mal, der kleine Vogel. Der kann ja noch gar nicht fliegen und nur herumhüpfen." – "Der ist bestimmt aus dem Nest gefallen. Oooooch – und da drüben zetert seine Mama vor lauter Sorgen. Wie die schimpft! Ist das süüß!" – "Ist aber auch voll schlimm. Los, wir müssen ihn jetzt retten und in eine weit entfernte Aufzucht-Station für Mini-Vögel bringen." Dialoge wir diese dürfte es bald wieder in Gärten und Parks geben, denn in allen Vogelnestern rings umher vollzieht sich jetzt das gleiche Wunder: Aus dem Ei schlüpft ein kleiner Vogel. Aus dem ein Nestling wird, ein noch nicht flugfähiger Ästling – und wenn der richtig Pech hat, wird er von wohlmeinenden Menschen "gerettet" und so der Fürsorge seiner Eltern entzogen. Die kümmern sich nämlich um ihre Jungen, auch wenn sie nicht mehr im Nest hocken und noch nicht flügge sind. Deshalb gilt: Finger weg von kleinen Vögeln.

Die haben ganz erstaunliche Fähigkeiten. Zugvögel finden zum Beispiel im Spätsommer ihren Weg nach Afrika – einfach so instinktiv, ohne dass ihnen ihre Eltern das extra beigebracht hätten. Stellen Sie sich mal vor, Vogelfamilien hätten solche Helikopter-Eltern wie wir Menschen: Dann würde die Brut aus diesem Jahr noch im übernächsten Jahr im Nest hocken und betüddelt werden – und im Jahr darauf enthüllen sie dann Papa und Mama, dass das mit Afrika auch dieses Mal nichts wird, weil vorher noch ein Jahr Auszeit zur Orientierung in der Provence notwendig sei. Und in der Saison darauf würden sie von ihren Eltern nach Afrika GEBRACHT. Weil es einfach sicherer ist. Glücklicherweise haben Vögel das nicht nötig. Deshalb sollten wir eines tun: sie einfach mal machen und in Ruhe lassen.

von Michael Ende

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