Qual-Sportgerät

Ekel-Ball

Aus der Reihe "Dinge, die die Welt nicht unbedingt braucht" heute: Medizinball. Eine Glosse von Michael Ende.

  • Von Michael Ende
  • 10. Juni 2022 | 08:00 Uhr
  • 14. Juni 2022
  • Von Michael Ende
  • 10. Juni 2022 | 08:00 Uhr
  • 14. Juni 2022
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Celle.

Es gibt Sportgeräte, die sind regelrechte Ekel-Typen. Nehmen wir zum Beispiel mal den Diskus: Wer jemals versucht hat, diesen völlig fehlkonstruierte Ur-Frisbee in eine bestimmte Richtung und dann auch noch weit zu schleudern, der weiß: Das Ding ist bestenfalls was für Freaks. Jetzt las ich aber etwas in der CZ, das mir die Erinnerung an einen Ober-Unsympath unter den Sportgeräten zurückbrachte. Da ging es um einen Mann, der als Junge 1945 etwas aus einer Schule gestohlen hatte. Der kleine Plünderer hatte etwas mitgehen lassen, das erahnen lässt, was schlimme Zeiten mit manchen Menschen machen: Der Bengel hatte einen Medizinball geklaut. Einen Me-di-zin-ball. Und auch noch mit nach Hause genommen. Ohje – muss der Lütte durch den Wind gewesen sein.

Abgegrabbelte Ungetüme

„Medizinball“ ist für mich noch heute, nachdem ich selbst vor Jahrzehnten den letzten Kontakt mit solch einem abgegrabbelten Ungetüm hatte, ein Synonym für Qual und Stress. Nasenkopfkino-Intermezzo: Mattenraum. Diabolische Sportlehrer setzten das Teil im Rahmen einer Foltermethode namens Zirkeltraining ein. Etliche Kilo schwer, aus verschwitzt-schwiemeligem Leder, mit Tierhaaren gefüllt – so hat der angeblich aus Amerika stammende Medizinball schon vielen Menschen das Leben schwergemacht. Die Erfindung wird William Muldoon (1853–1933) zugeschrieben, einem Polizisten aus New York City, der unter dem Namen „Iron Duke“ an Box- und Ringturnieren teilnahm und anderen Menschen wehtat. Felix Magath ist berühmt für sein hartes Training mit Medizinbällen, das ihm zu seinem Spitzname „Quälix“ verhalf. Ich würde so ein Ding niemals im Leben noch einmal freiwillig anfassen. Vielleicht ging es auch dem Plünderer von damals ähnlich. Jedenfalls hat es glatte 77 Jahre gedauert, bis er jetzt seine Beute noch einmal anpacken mochte: Er gab den Medizinball im Museum ab. Sollen die doch Spaß damit haben.