Gebürtiger Celler

Portugals Schaufenster in Hannover

Portugal ist Partnerland der Hannover-Messe. Hans-Joachim Böhmer von der Deutsch-Portugiesischen Industrie- und Handelskammer gibt Auskunft.

  • Von Cellesche Zeitung
  • 03. März 2022 | 15:00 Uhr
  • 12. Juni 2022
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  • 03. März 2022 | 15:00 Uhr
  • 12. Juni 2022
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Celle.

In den vergangenen zwei Jahren fiel die Hannover-Messe coronabedingt aus, nun findet sie nach pandemiebedingter Verschiebung vom 30. Mai bis 2. Juni statt. Offizielles Partnerland ist in diesem Jahr Portugal. Über die Bedeutung des Landes für die hiesige Wirtschaft unterhielt sich CZ-Redakteur Klaus M. Frieling per Videoschalte mit dem geschäftsführenden Vorstandsmitglied der in Lissabon ansässigen Deutsch-Portugiesischen Industrie- und Handelskammer, Hans-Joachim Böhmer. Der freut sich als „weltenbummelnder“ gebürtiger Celler, mit der portugiesischen Partnerland-Beteiligung ein Projekt zu begleiten, das so nah an seiner Geburtsstadt umgesetzt wird.

Wie kommt man aus dem beschaulichen Celle in eine wirtschaftliche Führungsposition in Portugal?

Mein Vater hat bei der Ölfirma Gewerkschaft Elwerath gearbeitet. Weil er Spanisch sprechen konnte, war er in die Koordination der Aktivitäten in Spanien eingebunden – und die ganze Familie ist dann auch bald mitgezogen. So hat im Alter von drei Jahren mein internationaler Lebenslauf begonnen. Ich werde in diesem Jahr 65 Jahre alt – davon habe ich gerade mal 20 Jahre in Deutschland verbracht. Seit 1998 lebe und arbeite ich in Portugal, war auch zuvor beruflich in mehreren anderen Ländern für deutsche Auslandshandelskammern tätig.

Was macht eine Auslandshandelskammer?

Wir sind die Schwesterorganisation der Industrie- und Handelskammer, bekannt als IHK, in mehr als 90 Ländern, Interessenvertreter und Dienstleister für deutsche Firmen vor Ort, verstehen uns als Brückenkopf in andere Märkte. Auslandshandelskammern arbeiten in beide Richtungen, helfen auch Firmen in den jeweiligen Ländern, geschäftlich in und mit Deutschland aktiv zu werden. Deutschland ist nicht nur im Export stark, seine Firmem haben auch weltweit viele und wichtige Handels- und Kooperationspartner, die für die deutsche Wirtschaft sehr wichtig sind – und die Auslandshandelskammern helfen auch bei diesen Partnerschaften. Und Kaufkraft in anderen Ländern ist auch im Interesse deutscher Firmen, sie schafft wieder Exportmöglichkeiten.

Wie funktioniert das konkret?

61 Mitarbeiter der Auslandshandelskammern sorgen in Portugal für Kontakte zwischen heimischen und deutschen Unternehmen und Handel, Investitionen, Kooperationen. Zudem betreibt die Deutsch-Portugiesische Industrie- und Handelskammer im Lande drei Zentren für die duale Ausbildung. Wir verzeichnen in Zusammenarbeit mit deutschen wie portugiesischen Firmen 1000 bis 1100 Auszubildende jährlich – das ist ein Referenzprojekt der dualen Berufsausbildung, geschätzt und unterstützt von der portugiesischen Regierung. Die Abschlüsse sind in beiden Ländern anerkannt. Und wir bieten im umfangreichen Weiterbildungsprogramm auch Deutschkurse an. Unsere Sprache hat infolge der wirtschaftlichen Kontakte in den vergangenen Jahren an Interesse gewonnen. Neben einer seit Jahrzehnten starken Industrieproduktion deutscher Unternehmen im Lande sind seit Jahren viele Service-Center auch deutscher Unternehmen nach Portugal gekommen.

Die Auslandshandelskammer in Portugal wurde 1954 gegründet. Können Sie etwas zu den Wirtschaftsbeziehungen zwischen Portugal und Deutschland sagen?

Portugal ist vielfach vor allem für Kork und Oliven bekannt – und als Urlaubsland. Wenig bekannt ist sein relativ hoher Industrialisierungsgrad. Deutschland ist nach Spanien größter Handelspartner. Mehr als 500 deutsche Firmen mit über 65.000 Arbeitsplätzen sind in Portugal tätig. Es ist ein interessantes Land für Investitionen, auch für wirtschaftliche Kooperationen.

Was sind die Stärken der portugiesischen Wirtschaft?

Es gibt eine starke metallverarbeitende Industrie in Portugal. So liegen beim Export des Landes nach Deutschland der Automobil- und Maschinenbausektor vorne – mit Fertigerzeugnissen wie auch Zulieferprodukten: VW produziert den T-Roc hier. Auch die Kunststoffindustrie ist sehr wettbewerbsfähig. Kompetenz- oder Business-Service-Center sind in den vergangenen Jahren stark gewachsen, auch deutsche Unternehmen haben diese hier aufgebaut – qualifizierte Fachkräfte sind vor Ort verfügbar, meist mit sehr guten Sprachkenntnissen. Hier ist auch die digitale Entwicklung Portugals zu nennen – vor Jahren noch ein Geheimtipp, sind es heute Firmen aus aller Welt, die hier Software entwickeln. Im Energiebereich weist das Land einen hohen Anteil erneuerbarer Energien auf.

Gibt es ein niedersächsische Unternehmen, das in Portugal eine wichtige Rolle spielt?

Enercon ist ein sehr wichtiger Player, mit einer umfangreichen Produktion von Anlagen und einer bedeutenden Kooperation mit dem portugiesischen Energieunternehmen EDP. Und auch grüner Wasserstoff ist ein kommendes Thema. Das Land hat früh seine Wasserstoff-Strategie definiert und ist im Gespräch auch mit deutschen Interessenten aus Politik und Wirtschaft.

Nennen Sie doch bitte ein paar weitere Unternehmen aus Niedersachsen, die Niederlassungen in Portugal haben.

Der Standort Portugal ist für eine ganze Reihe niedersächsischer Firmen interessant. Die größte deutsche Investition in Portugal war das VW-Werk, in dem seit 1995 produziert wird. Mit Continental hat ein weiteres großes niedersächsisches Unternehmen ein großes Werk in Portugal, Enercon habe ich bereits erwähnt. Insgesamt 34 niedersächsische Firmen sind im Land vertreten. Und nicht nur die großen, bekannten: Der Dinopark Münchehagen etwa betreibt hier eine ähnliche Anlage, mit großem Publikumserfolg. Insgesamt sind 541 deutsche Firmen bei der Deutsch-Portugiesischen Industrie- und Handelskammer gelistet. Es gibt wahrscheinlich noch ein paar Firmen mehr, von denen wir nichts wissen.

Wie ist die aktuelle Corona-Lage in Portugal?

Bis Mitte Januar gab es hier die Homeoffice-Pflicht. Portugal hat eine hohe Impfrate, das öffentliche Leben ist ziemlich unproblematisch. Den Scheitelpunkt der aktuellen Corona-Welle haben wir schon vor ein paar Wochen erlebt, und anders als zu Beginn des vergangenen Jahres zeigt das Gesundheitssystem auch keinerlei Überlastung. Zu Beginn der Pandemie hat die portugiesische Regierung deutlich einschneidendere Maßnahmen verfügt als etwa die Bundesregierung.

Die portugiesischen Messe-Teilnehmer werden also keine Probleme bei der Einreise nach Deutschland haben?

Die Teilnahme an der Messe wird für portugiesische Wirtschaftsvertreter unkompliziert möglich sein. Die Einreise nach Deutschland ist unproblematisch ohne Quarantäne möglich, wenn man genesen oder geimpft und geboostert ist. Und ich gehe davon aus, dass wir bis zum Beginn der Messe Ende Mai aus dem Hochinzidenz-Status rausgekommen sind.

Wie wird sich die portugiesische Wirtschaft auf der Hannover-Messe präsentieren?

Portugal will die Messe in Hannover als Bühne nutzen, um sein ganzes wirtschaftliches Leistungsspektrum in Deutschland vorzustellen. Rund 150 Aussteller aus dem Land sind in Hannover angemeldet, Portugal wird sich auf 4000 Quadratmetern Ausstellungsfläche präsentieren. Das Angebot umfasst Zulieferteile, Automation, Digitales sowie Energie-Lösungen.

Werden Sie während der Messe denn Zeit haben, um Ihre Geburtsstadt zu besuchen?

Ich muss als geschäftsführendes Vorstandsmitglied der Auslandshandelskammer natürlich in Hannover sein, wenn sich Portugal auf der Messe als Partnerland präsentiert. Vielleicht findet sich kurz Zeit für einen Abstecher. Ich werde aber auch schon zu Ostern nach Celle kommen. Nach wie vor habe ich Kontakte in die alte Heimat, und auch die Verwandtschaft meiner ebenfalls aus Celle stammenden Frau freut sich über Besuch. Früher hat die portugiesische Delegation in Messezeiten übrigens öfter in Celler Hotels übernachtet. Fand ich immer nett, wenn die Vertreter meine schöne Heimatstadt kennenlernten.

Lebenslauf Hans-Joachim Böhmer

1957

Geburt in Celle

1961

Familie zieht berufsbedingt nach Spanien

1966–1971

Böhmers Vater arbeitet in Südamerika im Anlagenbau für den Bergbau. Böhmer lebt vom 8. bis 13. Lebensjahr in Kolumbien und Bolivien, spricht besser Spanisch als Deutsch

1976

Nach Rückkehr nach Deutschland Abitur in Heidelberg, danach Studium der Volkswirtschaftslehre in Frankfurt/Main

1983

Tätigkeit bei der Commerzbank in Frankfurt/Main

1987

Wechsel nach Peru zur dortigen Auslandshandelskammer

1990

Für sechs Jahre Auslandshandelskammer in Thailand, danach Geschäftsführer der Auslandshandelskammer in Malaysia

Seit 1998

Geschäftsführer der Deutsch-Portugiesischen Auslandshandelskammer mit Sitz in Lissabon

Von Klaus M. Frieling